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Autor Mitteilung
Philon
Stammgast

Beiträge: 90


 

Gesendet: 21:46 - 16.08.2004

@rösch

Genau so sehe ich das auch!
Roy Batty
Mitglied

Beiträge: 133


 

Gesendet: 14:22 - 17.08.2004

@ Rösch

>>Aber du hast recht, man darf den Modernisten da kein Hintertörchen auflassen...<<

Noch besser, man schafft Verhältnisse, in denen sich die Wanderheuschrecken nicht mehr "heimisch" fühlen und verschreckt zum nächsten Feld(Polen ? Baltikum ?)ziehen. Gegen innerstädtische modernistische Architektur an sich ist nichts einzuwenden - solange sie die Mehrheit der Bevölkerung in der jeweiligen Form begrüßt und dafür nicht bereits bestehendes Altes geopfert wird. Und angesichts der vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten, die sich aus dem postmodern-expressionistischen Geist heraus entwickeln und den traditionalistischen Formenkanon würdig(!!) erweitern können....sehe ich überhaupt kein Probleme, den "Baukunstschaffenden" eine entsprechende Umerziehung zukommen zu lassen. Sie benutzen die Materialfrage immer so gern zur Rechtfertigung ihres Wirkens. Aber vielleicht ist es tatsächlich nur der immense Druck durch die versammelten Fueilletons und "Eliten", der ihr Schöpfen so gräßlich geraten läßt, vielleicht wollen sie in ihrer Mehrheit so wie wir und die Mehrheit, können und dürfen aber nicht. Unbedingt mit Feigheit hat das nichts zu tun...schließlich geht es ums blanke Überleben in diesem Scheißjob. Ich vermute letzteres. Gegen bestimmte Krankheitserreger...läßt sich was machen.
Dirk1975
Moderator

Beiträge: 435


 

Gesendet: 17:41 - 19.09.2004

DP für die Moderne, eine Sackgasse.
Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß die DP sich auch mit den Bauten der Moderne beschäftigt und wichtige Leistungen erhält. Sie trifft dabei aber auf einen Widerstand in der Sache, der von der heutigen DP in fahrlässiger Weise übergangen wird: Die Bauten der Moderne wurden polemisch gegen jede Form von Schutz, Denkmal und Dauer errichtet. Sie drücken dies nicht nur ästhetisch, sondern auch in ihrem Material aus, so daß man es nicht nur mit einer Ideologie-, sondern vorrangig mit einer Funktions- und Materialbehauptung zu tun hat.
Wer für den Schutz ausgewählter Bauten der Moderne eintritt, muß also
1) sich mit der Absurdität auseinandersetzen, daß er etwas erhält, was ausdrücklich für eine Laufzeit von 30 Jahren errichtet wurde, um danach abgerissen zu werden und neuen bauten für veränderte Zwecke Platz zu machen;
2) sich die moralische Position klarmachen, die darin besteht, Architekturen, die von der Notwendigkeit ausgingen, alle alten Städten abzureißen, in den Kanon des zu Erhaltenden aufzunehmen;
3) sich den finanziellen, technischen und funktionalen Problemen stellen, die sich aus dem Paradigmenwechsel im modernen Bauen ergeben: typisiert, unter Kapital- und Zeitdruck, mit industriellen Mitteln für begrenzte Zeit zu bauen.
Exkurs: Zum Abstoßungseffekt zwischen Pflegekultur und moderner Bautechnik
Der Technikwiderstand moderner Bauten umgreift eine Fülle von neuen, polemisch gegen die herkömmliche, DP begründende Baukultur gerichtete Eigenschaften ein.
Diese stellen u.a. vor folgende Fragen:
- Kann und soll man Serien- und Typenprodukte unter Schutz stellen?
- Kann und soll man Gebäude unter Schutz stellen, die überwiegend bzw. ausschließlich aus typisierten, industriell hergestellten Elementen hergestellt sind - z.B. Großtafelbauten?
- Kann und soll man Gebäude unter Schutzstellen, die als Provisorien bzw. auf Verschleiß geplant wurden, so daß bewußt Materialien mit begrenzter Laufzeit verwendet wurden, oder Gebäude, wo Verfahren und Materialien verwendet wurden, deren Eigenschaften noch nicht ausreichend bekannt waren?
Ein verwandtes Problem stellt die, verglichen mit historischen Bauten, geringere Umbaubarkeit und Umnutzbarkeit dar. Erstens: Aufgrund der industriellen Verfahren und Materialien haben moderne Bauten eine unvergleichlich größere Verletzlichkeit, d.h. ihre ästhetische Oberfläche ist so dünn und so anfällig, daß noch der vorsichtigste Eingriff zur Unkenntlichkeit des Originalzustands führt. Dies ist der Grund, weshalb DP an Bauten der Moderne stets in die Herstellung des Originalzustandes führt, ein Verfahren, was bei konventionellen Denkmalen seit Dehios Zeiten von der Mehrheit der Denkmalpfleger abgelehnt wird.
Zweitens: In der Regel sind moderne Bauten aber nur durch schwerwiegende Eingriffe überhaupt umnutzbar, da sie für.Nutzungsverhältnisse geplant wurde, die so eng umrissen waren, daß sie Veränderung ausschließen.
Drittens: Die Probleme potenzieren sich, wenn moderne Bauten nicht unmittelbar sichtbarer technischer, sozialer oder ideologischer Vorzüge wegen unter Schutz gestellt werden. Wenn es schon allgemein schwer ist, einer Mehrheit den ästhetischen Wert moderner Architektur zu vermitteln, wie will man ohne erkennbare Schönheit oder sonstige Gebrauchswerte den Betreiber/Nutzer zu Nutzungseinschränkungen bzw. den Steuerzahler zu Erhaltungsausgaben motivieren?


Der Sammler und Jäger
Anfang der 80er Jahre schlugen einige Denkmalpfleger Alarm: Die Bauten der Nachkriegszeit würden völlig verschwinden, wenn sie nicht umgehend unter Schutz gestellt würden. Diese Argumentation wurde vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz aufgenommen und systematisiert.
Zunächst war an dieser Argumentation auffällig, daß, mit der Begründung, es werde sonst gar nichts mehr übrigbleiben, die Trennlinie zwischen eigener Gegenwart und schützenswerter Vergangenheit so nahe an die eigene Gegenwart herangezogen wurde wie noch nie zuvor in der Geschichte der DP.
Was tatsächlich gemeint war, war aber etwas ganz anderes und völlig Neues.
1) Es war nicht von einzelnen Bauten die Rede, sondern davon, daß eine Epoche in der Geschichte der Bundesrepublik gerettet werden müsse. D.h.: es geht nicht um den Wert bestimmter Einzelgebäude, sondern um ihre Funktion als herausragender Dokumente der Geschichte des Wiederaufbaus.
2) Daraufhin konnten neue Argumentationsweisen genutzt werden, insbesondere das Schlußverkauf-Argument, daß man schnell zugreifen müsse, weil sonst nichts mehr da sei. Damit hatte man, ohne darüber auch nur zu reden, den Klärungsprozeß in Fachwissenschaften, Berufsgruppen und Öffentlichkeit darüber, welches Gebäude aus welchen Gründen für Stadt und Bewohner unverzichtbar sei, übersprungen zugunsten einer abstrakten Sammlerlogik: Wir müssen genug 50er Jahre in der Kollektion haben. Das kann man einen intellektuellen Putsch nennen.
3) Jeder, der die damalige Bundesrepublik einigermaßen kannte, konnte davon ausgehen, daß das Verschwinden der 50er Jahre angesichts der vorhandenen Masse gar nicht möglich war. Worum es ging, war vielmehr, die Objekte rein zu haben. D.h. die Bauten der fünfziger Jahre sollten, anders als vormoderne Bauten, nicht durch Umnutzung verdorben werden.
DS wurde zur Festschreibung des Entwurfszustands. D.h., zwecks Dokumentation des historischen Entstehungsaugenblicks - in der Regel die Kindheit des unter Schutz stellenden Denkmalpflegers oder Bauhistorikers - wird den Gebäuden Geschichte verboten.
D.h. hier ist der Punkt zu greifen, wo der Kunstwert der alten - und als solche ja auch weiterbestehenden - DP überholt wird durch ein neues Kriterium, den Geschichtswert - die Eigenschaft, unabhängig von den.ästhetischen Qualitäten ein historisches Zeugnis zu sein. Dieses Kriterium ist gegenüber seinen Objekten so gleichgültig, daß es auch Platz hat für die ästhetische Obsession der alten DP. An die Stelle des Urteils aus Kunstsinn tritt damit ein viel einfacheres Auswahlverfahren, der Überblick des Sammlers, der weiß, was er schon hat und was er noch nicht hat.
Diese Sammlermentalität beherrscht, analog zum Überblickswissen der Denkmaltopographie, weite Teile der Pflegelandschaft. Allenthalben kann man Denkmalpfleger vorrechnen hören, daß dieses und jenes Gebäude erhalten werden müsse, weil es dieser oder jener Eigenschaft wegen das einzige erhaltene sei. Die konkreten Qualitäten oder Nichtqualitäten des Gegenstands werden ersetzt durch das blinde Kriterium einer möglichst vollständigen Archivierung.
Hat die DP aber tatsächlich einen Auftrag, in solcher Weise Geschichte zu sammeln? Ist es überhaupt sinnvoll, eine Stadt als Archiv und historisches Museum zu betrachten, also den fehlenden Geschichtsbezug der Bewohner und ihre alleinige Ansprechbarkeit als Konsumenten vorgekauter Stadterlebnisse bereits vorauszusetzen? Jedenfalls bedeutet eine solche DP gleichermaßen die Entwertung von Geschichte wie Gegenständen.
Wenn es um den historischen Dokumentenwert geht, muß man nur lesen und glauben, warum man laut DP dieses oder jenes Gebäude - Fabrik, Bahnhof, Viehhalle, Siedlung, Tankstelle usw. - für wichtig halten soll. Man kann also die Augen ruhig zumachen. Historischer Wert dieser Art ist nicht, oder nur für den Kundigen, sichtbar.
Oft nicht einmal für diesen. So kam es in Berlin beispielsweise zu der Absurdität, daß unter enormen privaten und öffentlichen Folgekosten - jede Extraanstrengung eines Investors muß mit stadtstrukturellen Zugeständnissen wie erhöhter GFZ bezahlt werden - das älteste erhaltene Stahlskelett unter Schutz gestellt wurde - erst stand es, nach erfolgtem Abriß des Gebäudes, das es getragen hatte, sinnlos in seiner vollen Dürftigkeit und Sinnlosigkeit da, danach verschwand es spurenlos im Neubau.



Dieter Hoffmann-Axthelm
Aus dem Gutachten "Kann die Denkmalpflege entstaatlicht werden?"

http://www.antje-vollmer.de/cms/default/dok/4/4358.kann_die_denkmalpflege_entstaatlicht_wer.htm
Rösch
Senior-Mitglied

Beiträge: 343


 

Gesendet: 22:10 - 19.09.2004

@dirk

wieder ein sehr guter text, danke.

Inwiefern ist diese aussage zu verstehen:
"In der Regel sind moderne Bauten aber nur durch schwerwiegende Eingriffe überhaupt umnutzbar, da sie für.Nutzungsverhältnisse geplant wurde, die so eng umrissen waren, daß sie Veränderung ausschließen"

zeichnet nicht gerade modernistische gebäude eine hohe flexiblität aus!?

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