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 Forum Index —› Deutschland —› Berlin: Neubauten von Patzschke & Partner an der Leipziger Straße
 


Autor Mitteilung
Antiquitus
Moderator

Beiträge: 943


Gesendet: 22:38 - 08.05.2003

ein neuer artikel über ein lange ersehntes projekt, das hoffentlich bald wirklich los geht!



Die Adlon-Architekten sind wieder im Geschäft

Gegenüber dem Bundesrat an der Leipziger Straße bauen Patzschke & Partner zwei klassisch gestaltete Geschäftshäuser

Von Rainer Haubrich

Die wenigsten Architekten können verständlich und sinnfällig über ihre eigenen Bauten reden. Und auch Rüdiger Patzschke ist kein begnadeter Selbstdarsteller. Es klingt immer etwas unbeholfen, wenn er erklärt, warum Patzschke & Partner so bauen wie sie bauen. Und am liebsten liest er Zitate von anderen ab. Weshalb ihn die eitle Kaste der Großarchitekten gerne belächelt. Genauso wie man den traditionalistischen Neubau des Hotels Adlon am Pariser Platz belächelt hatte, mit dem das Architekturbüro vor Jahren schlagartig bekannt geworden war.

Inzwischen zeigt sich, dass das ein Fehler war. Obwohl es keiner der Platzhirsche jemals zugeben würde: Kein Neubau hat die Berliner Architekturdebatte mehr beeinflusst als eben jenes Hotel Adlon. Nicht weil es ein brillanter Bau ist, sondern weil es eine Ahnung davon vermittelte, dass sich auch heute mit dem traditionellen Architekturvokabular arbeiten lässt. Seitdem versuchen sich auch bekannte Architekten am klassischen Bauen.

Und auch die Patzschkes haben nachgelegt. Mit privaten Bauherren errichteten sie in der Nähe des Gendarmenmarktes zwei klassizistische Geschäftshäuser, bei denen sie bereits eine größere Sicherheit im Umgang mit historischen Motiven bewiesen. Mit ihrem jüngsten Auftrag für den Neubau von zwei Geschäftshäusern gegenüber dem Bundesrat an der Leipziger Straße sind Patzschke & Partner nun endgültig in der Mitte der Stadt angekommen.

Während die Berliner Bauverwaltung in den letzten Jahren Patzschke-Projekte immer wieder blockiert und behindert hatte, scheint der gestrenge Senatsbaudirektor Hans Stimmann seinen Frieden mit den Traditionalisten gemacht zu haben. Nicht, weil es sich hier um Spitzenarchitektur handelt, sondern weil es inzwischen auch dem letzten Hardcore-Modernisten dämmert, dass weder aus der Addition von Extravaganzen noch aus der Aneinanderreihung von Rationalistenkästen überzeugende Straßenzüge entstehen.

Dabei feiern auch die Patzschkes keine neobarocken Orgien. Sie entwerfen dezent profilierte und gegliederte Fassaden aus Naturstein oder Putz, sie sich in ihrem Aufbau an der Geschäftshausarchitektur vom Beginn des 20. Jahrhunderts orientieren. Mit rustiziertem Sockel und abgesetztem Attikageschoss, mit Rundbögen, Lisenen und Fensterverdachungen. Ihre Gebäude haben jene Temperatur und Körnigkeit, jene Lesbarkeit und Abwechslung im Detail, die alle Bauten vor dem weltweiten Siegeszug der Sachlichkeit auszeichneten. Und das Verblüffende ist, dass noch die durchschnittlichsten dieser Fassaden mehr zum klassischen Stadtgefühl beitragen als die brillantesten modernen Schöpfungen.

Wie sehr sich Stimmanns Auffassung geändert hat, zeigte jüngst eine Podiumsdiskussion, auf der auch andere Entwürfe für das Großprojekt gegenüber dem Bundesrat vorgestellt wurden. Da musste sich der von Kritikern gefeierte Jungstar Armand Grüntuch, der mit Stahl- und Glasbauten im Scheunenviertel bekannt wurde, heftige Kritik vom Senatsbaudirektor anhören. Zugleich ließ Stimmann durchblicken, dass ihm die klassische Arkade, die Patzschke & Partner für die Leipziger Straße entwarfen, sympathischer ist als die schlichte Stützenversion, die Grüntuch vorsieht.

Die einst gemiedenen Traditionalisten sind inzwischen gut im Geschäft. Gerade haben sie am Griebnitzsee im Südwesten Berlins eine bemerkenswerte Anlage von fünf Stadtvillen fertiggestellt, mit nobel profilierten Putzfassaden vor massiv gemauerten Wänden und mit überdurchschnittlichen Raumhöhen. Ein weiterer Beweis, dass sich auch unter den Bedingungen des heutigen Immobilienmarktes klassische Architektur verwirklichen lässt.

Erschienen am 08. Mai i.d. WELT



zur erinnerung:

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Pilaster
Stammgast

Beiträge: 97


 

Gesendet: 10:14 - 09.05.2003

Die Kernaussagen in diesem Artikel sind in meinen Augen die in den folgenden Absaetzen enthaltenen [nur teilweise zitiert]:

... Nicht, weil es sich hier um Spitzenarchitektur handelt, sondern weil es inzwischen auch dem letzten Hardcore-Modernisten dämmert, dass weder aus der Addition von Extravaganzen noch aus der Aneinanderreihung von Rationalistenkästen überzeugende Straßenzüge entstehen.

Sie entwerfen dezent profilierte und gegliederte Fassaden aus Naturstein oder Putz, sie sich in ihrem Aufbau an der Geschäftshausarchitektur vom Beginn des 20. Jahrhunderts orientieren. Mit rustiziertem Sockel und abgesetztem Attikageschoss, mit Rundbögen, Lisenen und Fensterverdachungen. Ihre Gebäude haben jene Temperatur und Körnigkeit, jene Lesbarkeit und Abwechslung im Detail, die alle Bauten vor dem weltweiten Siegeszug der Sachlichkeit auszeichneten. Und das Verblüffende ist, dass noch die durchschnittlichsten dieser Fassaden mehr zum klassischen Stadtgefühl beitragen als die brillantesten modernen Schöpfungen.


Zwar werden hier einige uns stoerende Objekte sogar mit dem Adjektiv "brilliant" bedacht, aber das klassische Stadtgefuehl, das doch alle Menschen instinktiv suchen, wird eben nicht durch die Moderne sondern durch die Patzschkesche Anlehnung an eine aeltere Bauweise erreicht. Und es ist doch nicht nur die Firma Patzschke, es gibt viele andere, die aehnliche Visionen und Ziele haben.

Moegen all diese weitblickenden und einfuehsamen Architekturfirmen wachsen und gedeihen und mit Auftraegen ueberschuettet werden, moechten es noch viel mehr werden, denn nur durch sie koennen unsere Staedte genesen.

Ich finde diesen Artikel von unserer Sicht aus durch und durch positiv und hoffe nur, dass Gott Ruediger Patzschke ueber Nacht eine gewandte silberne Zunge leiht!
mathias
Senior-Mitglied

Beiträge: 315


 

Gesendet: 13:24 - 09.05.2003

Ich finde, gerade bewegte und doch maßvolle Ornamente, wie sie der Barock hervorbrachte, wären für deutsche Innenstädte, die viel zu stark durch die monotone, farblose und strenge Moderne geprägt sind, ein Lichtblick und ein hervorragender Ausgleich.
Anonymous


 

Gesendet: 13:43 - 09.05.2003

Ihr habt Recht zu betonen dass ganz allgemein das Ornament nicht ein "Afterthought" sein soll dass hier und dort aufgepflückt wird um zu kaschieren und zu zieren, aber in der traditionellen Architektur, sogar im Einfach-Vernakulären ein organisch untrennbares Bestandteil des Bauens. Das Ornament über Stilansichten hinaus ist natürlicherweise von Anfang an eines Projektgedankens einzubinden. Meiner Meinung nach ist die Architektur von Patzschke hier noch sehr verklemmt und benutzt die Ornamentik zur Punktuierung und zur nachhaltigen Verzierung aber nicht als eine grundsätzliche Integration. Kollhoffs Klassizismus leidet ganz offentsichtlich an einer Lieblosigkeit und Leblosigkeit die von einer über-Rationalisieung und Abstraktion und einer Angst vor dem Ornament herkommt.

Beste Grüsse
Antiquitus
Moderator

Beiträge: 943


 

Gesendet: 14:11 - 09.05.2003

Zitat:
Das Ornament über Stilansichten hinaus ist natürlicherweise von Anfang an eines Projektgedankens einzubinden

das hätte ich gerne noch etwas näher erläutert! mir ist das nicht ganz klar.

was genau verbirgt sich hinter dem ornament als "organisch untrennbare[r] Bestandteil des Bauens"? normalerweise würde man meinen, die primärfunktion eines ornaments ist die zierde und nur insofern funktional, als dass das zieren auch eine funktion sein kann. man könnte natürlich innerhalb eines stils das ornament auf eine geeignete beschreibung der funktionalen basis zurückführen (so ähnlich, als wenn man versucht, eine semantik auf eine syntax zurückzuführen).

beispiel: triglyphen und metopen sind bereits "konstruktive" bedingung. sie sind in den regeln der konstruktion fest vorgesehen - nebenbei schmücken sie.
ich bin mir aber nicht sicher, ob man dann nicht die frage "wer war zuerst da (ei oder henne)" beantworten muss.
von den konsolen unterm dach, die heute bloßes ornament sind, weiß man, dass sie eine nachbildung der holzbalken sind, die in der antike das dach trugen. auf triglyphen und metopen trifft das m.w. aber nicht zu.
waren sie immer bloßer schmuck? oder bloßes kaschieren? dann stünde patzschke diesbezgl. auf einer stufe mit den alten griechen.

die arkade in dem einen patzschke-haus ist jedenfalls schon sehr gelungen und auch nicht mehr zu streng.
wenn bloß die fassaden etwas schmuckvoller wären. hach, wie würde man sich freuen, gäb's mal wieder einen reich-verzierten schlussstein oder einen hermen-pilaster.
das wär was!

thema kollhoff:
dieser entwickelte sich vom architekten, der im sachlich-funktionalen stil der zweiten hälfte des 20. jhd. baut, zu einem, der immer mehr bezug auf die antike klassik nimmt.
darum tut er sich noch schwer mit ornamenten, obwohl er bereits über sein hochhaus am potsdamer platz sagte, dass er gerne mehr ornamente verwendet hätte, die zeit aber noch nicht reif sei. er hätte genug probleme gehabt, die goldzinnen gebaut zu bekommen.

betrachtet man den entwurf zum bastian-bau, diesem klassizistischen tempel, dann erkennt man bereits eine zunahme an ornamentik.
das wird schon werden - denn ohne zweifel baut kollhoff im moment noch viel zu streng (man denke z.b. an die leibniz-kolonnaden, die bei schlechtem wetter richtig abweisend wirken).
jedenfalls ist kollhoff nach seinem tempel-entwurf jetzt im zugzwang - will er nicht der rückentwicklung bezichtigt werden.
Bewacher
Mitglied

Beiträge: 215


 

Gesendet: 14:20 - 09.05.2003

"was genau verbirgt sich hinter dem ornament als "organisch untrennbare[r] Bestandteil des Bauens"? normalerweise würde man meinen, die primärfunktion eines ornaments ist die zierde"

Er meint vielleicht sowas wie: Würde man auf den üblichen Plattenbauten (bzw. Nachbauten solcher) nachträglich barocke (oder andere) Ornamente anbringen, würde das Ergebnis blöd ausehen. Man sollte das Gebäude gleich mit Ornamenten planen...

Nur: Auf den Bildern oben sehe ich nichts "nachträglich" wirkendes...
Schlüter
registriert

Beiträge:


 

Gesendet: 14:23 - 09.05.2003

Der Herr R. Haubrich ist einer der ganz wichtigen Verbündeten, die wir haben. Besorgt Euch mal sein Buch (kann man ja auch nur so mal in der Buchhandlung drin herumblättern):
"Unzeitgemäß - Traditionelle Architektur in Berlin"
Vorwort von Wolf Jobst Siedler!
Dann seht Ihr , was wir an dem Mann haben - falls Interesse besteht, bringe ich es nach DD mit und lasse es herumgehen.
Den Mann müssen wir pflegen, füttern und streicheln.
P.S.:
Die Arkaden sind ein Genuß.
luciensteil
Novize

Beiträge: 38


 

Gesendet: 18:39 - 09.05.2003

Natürlich, Respekt und Anerkennung für Haubrich, ein ausgezeichneter Architektur Journalist!

Betreffend des Ornamentes als "organisch" eingebunden in die Bauaufgabe, würde ich auf die Beziehung zwischen "Konstruktion" und "Tektonik" zurückweisen, und da die traditionelle Architektur sich als eine symbolische Verarbeitung des Bauens, des "Zusammenfügens" und "Zusammenpassens" ausdrückt, wo dann auch von Anfang an das Ornament eine fundamentale Rolle zu spielen hat in dem es : 1) die Qualitäten und Eigenschaften der Materiale und angemessenen baulichen Vorgängen betont und hervorhebt 2) die strukturellen Vorgänge darstellt und künstlerisch hervorhebt: stützen, tragen, auffangen, verteilen, verbinden, trennen, artikulieren, vermitteln etc. Die Ornamentik kaschiert nicht hässliche Fugenübergänge aber illustriert poetisch und bildhaft die Kräfte und strukturelle Dynamik die durchgehend die konstruktive Logik des Baus bestimmen. 3) Die Funktion, Lokalisation und gegebenefalls regionale Bautraditionen, ergebenen zusätzliche Inspiration einer eingebundenen Ornamentik die in den meisten Fällen zurückzuf¨hren sind auf 1) die "Imitation der Natur" in welcher die Naturgesetzmässigkeiten der Architektur bildlich dargestellt werden 2) das Handwerkliche Herstellen und die Freude und der Stolz and dem baulichen Herstellungsprozess 3) Historische Traditionenen und Stilbezogene Konventionen.

Betreffend Patzschke und Kollhoff möchte ich betonen dass ich ihre Arbeit sehr schätze. Ich möchte auch aus eigener Erfahrung gerne betonen wie schwierig und komplex es ist ein gutes traditionelles Gebäude zu entwerfen und zu bauen, autoditaktisch und in einer Zeit wo sowohl das Künstlerische, das Handwerkliche und das Bauliche es sich sehr schwer tun, und wo so wenig Klarheit besteht zu einer harmonischen Einheit des Menschen mit seiner gebauten und natürlichen Umwelt.

Beste Grüsse
Lucien Steil
Ben
Goldenes Premium-Mitglied

Beiträge: 1337


 

Gesendet: 14:53 - 10.05.2003

Ich finde vor allem diese Arkadengänge immer sehr schön, wie z.B. auch die Leibniz-Kollonaden (Ach, die sind auch von Kollhoff?). Stimmt etas finster sind die vielleichts schon, aber.....Irgendwie wirken die Häuser diesen "Fotos" immer so hell und mediteran...Das macht mir die Prjekte schon im Voraus sympatisch .
Ich verstehe nur nicht, wieso man neben diese beiden schönen, alt wirkenden Bauten so wieder ein hässliches High-Tech-Ding aus Glas und Stahl setzen muss (erstes Bild, ganz rechts).
Welche Projekte wurden denn von Senat verhindert?

P.S. Was sind Lisenen?
Schlüter
registriert

Beiträge:


 

Gesendet: 15:02 - 10.05.2003

Lisene: senkrechter, pilasterähnlicher Mauerstreifen, aber ohne Basis und Kapitell, häufig durch Rundbogenfriese mit den benachbarten Lisenen verbunden.
Aus :
Baustilkunde, von Wilfried Koch.
Pilaster
Stammgast

Beiträge: 97


 

Gesendet: 19:05 - 10.05.2003

Die obigen Patzschke-Projekte sind zum Verlieben! Ich habe gern etwas Romantik in Gebaeuden. Bei Kollhoffs Leibniz-Kolonnaden fehlt mir diese Eigenschaft. Die Gebaeude sind mir zu modern und zu kalt, und der Platz wirkt abweisend. Schade! Haette viel schoener sein koennen!

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