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Autor Mitteilung
H. C. Stössinger
Senior-Mitglied

Beiträge: 422


 

Gesendet: 04:37 - 19.11.2003
Antiquitus
Moderator

Beiträge: 943


 

Gesendet: 19:48 - 05.01.2004

Nehmt Schlüter!
Kolumne
von Konrad Adam

Ein halbes Jahrhundert lang war Berlins erste Adresse verwaist. Das Haus Unter den Linden Nr. 1, die alte Stadtkommandantur, war im Krieg zerstört worden. Neulich ist das Haus, das in seiner ursprünglichen Form auf die Zeit des Großen Kurfürsten zurückgeht, aus privaten Mitteln wieder hergerichtet worden. Eine weitere Lücke des durch alliierte Bomberflotten und sozialistischen Wiederaufbau entstellten Stadtbildes im Zentrum von Berlin ist geschlossen.


Gegenüber, auf der anderen Seite der Spree, klafft die größere Wunde allerdings noch immer. Und nach dem Willen der Haushälter soll sie auch weiter offen bleiben, aus Geldmangel, wie es amtlich heißt. Glauben muss man das nicht, denn jeder weiß, für welche Abenteuer die Bundes- und die Stadtregierung Geld ausgibt. Wie meistens ist das Geld nur eine Ausrede, um über einen ganz anders motivierten Widerstand nicht reden zu müssen.


Der Widerstand gegen die Rekonstruktion des Berliner Schlosses und, damit verbunden, gegen eine Wiedergutmachung für seinen Baumeister Andreas Schlüter, hat längst pathologische Züge angenommen, die nach tiefenpsychologischer Deutung verlangen. Er ist Ausdruck der Erinnerungslosigkeit, die den Deutschen als neue Tugend anempfohlen und ausgerechnet von den Historikern, den "kritischen" zumindest, als Antwort auf die Lehren der Geschichte verstanden wird. Der ominöse Schlussstrich, vor dem in schrillen Tönen gewarnt wird: Hier, im Verhältnis zu Brandenburg, zu Preußen und zu Berlin, soll er nun endlich gezogen werden. Würden die Schlossgegner mit ihrer Hinhaltetaktik durchkommen, hätten sie geschafft, was Walter Ulbricht nur versucht hatte, als er das Schloss 1950 sprengen ließ. Der Abschied von der Geschichte, von diesem Teil der deutschen Geschichte, wäre besiegelt.


Zu solchen Absichten bekennt man sich natürlich nicht. Warum auch, wenn man hinter anderen Deckung nehmen kann. Seit dem erbittert geführten Streit um den Wiederaufbau des Goethehauses am Großen Hirschgraben in Frankfurt, seit mehr als 50 Jahren also, ist den Zeitgeistgerechten, denen das schlechte Neue lieber ist als das gute Alte, nicht mehr viel eingefallen. Man muss nicht unbedingt auf ihre Worte hören, die Betrachtung ihrer Werke genügt, um zu wissen, was von ihnen zu halten ist. Ein Mann wie Renzo Piano, der am Potsdamer Platz die Daimler-Chrysler-Gebäude errichtete, hat allen Grund, den Wettbewerb mit der älteren Architektur zu scheuen. Er weiß wohl selbst, dass er ihn nicht bestehen kann.


Noch überall, wo man sich über die Drohungen und Befangenheiten der Zeitgerechten hinwegsetzte und den Alten zu ihrem Recht verhalf, war das Ergebnis ein Geschenk an die Bürger. Ob man die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche nimmt, deren Ruine seinerzeit von den Sanierern beiseite geräumt werden sollte, die Dresdner Frauenkirche, um die sich die mit Abstand größte und stärkste Bürgerinitiative Deutschlands zusammengefunden hat, oder das Knochhaueramthaus in Hildesheim: immer standen die Einwohner und Benutzer gegen die Planer und Entwerfer. Und oft genug war schwer zu entscheiden, was am Ende überwog, die Freude über die Auferstehung der alten, wohl proportionierten Formen oder die Erleichterung über das Verschwinden der funktionalen Barbarei, die vorübergehend an ihre Stelle getreten war.


Als sich die Stadt Augsburg dazu durchgerungen hatte, den Goldenen Saal ihres Rathauses wiederherzustellen, wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, der eine einzige Bedingung enthielt. Alles war erlaubt, nur nicht die Rekonstruktion des ursprünglichen, frühbarocken Zustandes. Rückschauend erwecken die Entwürfe, die sich wohl oder übel an diese Auflage halten mussten, Gefühle wie bei der Betrachtung von Piranesis Gefängnisbildern, den Carceri: Nur da nicht leben müssen! Was sich die Wettbewerber damals hatten einfallen lassen, macht ohne jeden Kommentar verständlich, dass sich am Ende genau der Plan durchsetzte, der zunächst als einziger ausgeschlossen worden war. Heute sind die Augsburger und ihre Besucher glücklich, auf die schnell verderbliche Moderne verzichtet zu haben.


In Berlin sollte man daraus lernen. Man sollte sich an den Grafen Ferraris erinnern, den früheren Botschafter Italiens, der den Deutschen auf die Frage, welchen Schlossarchitekten er ihnen empfehlen würde, die Antwort gab: "Nehmt Schlüter. Einen Besseren werdet ihr so bald nicht finden."


Konrad Adam, geb. 1942, lebt und arbeitet in Berlin und Frankfurt/M. Er schreibt jeden Montag an dieser Stelle.


Artikel erschienen am 5. Jan 2004 i.d. WELT
Jörn
Mitglied

Beiträge: 158


 

Gesendet: 19:59 - 05.01.2004

Sehr interessanter Bericht!

Nehmt Schlüter, wäre schön wenn man diesen Satz bald öfters hören würde!
Ben
Goldenes Premium-Mitglied

Beiträge: 1337


 

Gesendet: 22:21 - 05.01.2004

Wir brauchen Schlüter, Eosander und den Erbauer des Spreeflügels (kennt jemand den Namen?)! Außerdem noch Schinkel für die Bauakademie, Stüler für das Neue Museum...und noch einge für den Rest
Wenigstens hat man in Augsburg eingesehen, dass ein moderner "Goldener Saal" mit dem Original nicht mithalten kann...Ich hoffe auch, hier kommt man bez. des Spreeflügels(und vielleicht auch beim Großen Schlosshof/Mitteltrakt) auch zu der Erkenntnis!
Nach einigen Jahren interessiert es doch eh' keinen mehr, ob es eine Reko ist. Und je besser alles zusammenpasst, umso unauffälliger ist diese Tatsache dann auch!
Kai_2
Senior-Mitglied

Beiträge: 288


 

Gesendet: 22:56 - 05.01.2004

...und wir brauchen noch die vielen, anonymen architekten die im ganzen land prachtbauten in großen und kleinen formaten errichtet haben und die vorkiregsstadt zu einem kunstwerk gemacht haben
ein schöner artikel. trifft den nagel auf den kopf.
Kai
Antiquitus
Moderator

Beiträge: 943


 

Gesendet: 13:12 - 06.01.2004

besonders schön finde ich das:

seit mehr als 50 Jahren also, ist den Zeitgeistgerechten, denen das schlechte Neue lieber ist als das gute Alte, nicht mehr viel eingefallen
fonti
Stammgast

Beiträge: 88


 

Gesendet: 15:42 - 06.01.2004

Wollte nur ma Hallo sagen. Hab mir schon oft genug selbst Gedanken über Architektur und spezielle Gebäude bzw. Werte in der Architektur gemacht und war dann sehr erfreut als ich dieses Forum gefunden hab. Is zwar schon was her, bis jetz hab ich euch nur immer interessiert zugehört, aber jetzt dachte ich wird ma Zeit sich anzumelden
Nur ma so zur Info: Bin noch Schüler, versuch ab nächstes Jar arch zu studieren und komm aus der Nähe von D´dorf
Antiquitus
Moderator

Beiträge: 943


 

Gesendet: 15:49 - 06.01.2004

herzlich willkommen, fonti.
die zahl der angehenden architekten mit gutem geschmack hier im forum nimmt erfräulicherweise stetig zu.

hast du irgendwelche (auch ältere) neuigkeiten aus ddorf für uns bzgl. rekonstruktionen oder neuer traditioneller architektur?
fonti
Stammgast

Beiträge: 88


 

Gesendet: 16:32 - 06.01.2004

hmmm, rekos eher net, aber einige ältere Gebäude wurden in letzter Zeit restauriert. Am Medienhafen, wo im moment am meisten gebaut wird, gibts hauptsächlich nur neue arch, aber trotzdem hat das Viertel einen gewissen charme, da auch sehr viel Stein verwendet wurde, net nur Glas, und in einem Hafen meiner Meinung nach nich unbedingt dekoreiche gebäude sein müssen. Positiv möchte ich hier auch, mehr im Hinblick auf Stadtentwicklung, die Rheinpromenade hervorheben, wo eine mehrspurige Straße unter den Boden gesetzt wurde und nun die Bürger wunderbar von der Altstadt direkt zum Rhein können, super mediteranes Flair. In nächster Zeit soll der Breidenbacher Hof, ehem. Luxushotel an der Kö, abgerissen und neu aufgebaut werden, bin ja ma gespannt wie
Sobald ich Zeit hab wollt ich mal mit ner Digicam, die ich mir dann noch ausleihen muss, durch die Stadt ziehen. Versuch dann ma ein paar fotos hier rein zu setzen. Da gabs noch ein paar projekte mit alten Gebäuden, bin mir nur grad im Moment nicht sicher was da los is Aber ich informiere mich...
fonti
Stammgast

Beiträge: 88


 

Gesendet: 16:42 - 06.01.2004

menno, wollt doch net neue Architektur sagen, das find ich so relativ

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