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Autor Mitteilung
H. C. Stössinger
Senior-Mitglied

Beiträge: 422


 

Gesendet: 17:55 - 10.04.2004

Man kann es auch so sagen: Da es keinen allgemeingültigen Trend, keine allgemeingültige Mode gibt, ist die Bezeichnung "Modernes Gebäude" für eine Kiste wie jetzt geplant am Berliner Salzufer eine Verblendung, eine bewußt hervorgerufene Irreführung. Mit den gleichen Maßstäben gemessen sind demnach das Adlon in Berlin oder das Störtebeker-Haus in Hamburg ebenfalls moderne Gebäude - auch sie folgen einem der vielen Trends.

Die Mode, die seit den 1920er Jahren eingerissen ist, nämlich zierlose Funktionskisten zu bauen ist, weil die meisten Menschen zu dieser Industrie-Ästhetik doch eher negativ eingestellt sind - eine weitverbreitete Unsitte!

Kann der Bürger frei entscheiden, lehnt er mehrheitlich diesen Unfug ab.

In einer Hamburger Tageszeitung war vor ein paar Wochen zu den Grindelhochhäusern (seit 2000 unter Denkmalschutz!) zu lesen: Wenn hier Hühner hausen müssten, würden sofort Tierschützer auf den Plan treten - aber hier wohnen ja nur Menschen!
H. C. Stössinger
Senior-Mitglied

Beiträge: 422


 

Gesendet: 20:15 - 11.04.2004

Ich habe mir jetzt mal Zeit genommen und habe nach dem Begriff "Modern" gesucht. Ich habe die Tageszeitungen studiert und Reise- und Kiez-Berichte gelesen.

Ich habe dabei nun festgestellt, dass der Begriff "Modern" eine tote Worthülse ist und der tiefere Sinn heute nach anderem Vokabular sucht.

Mit Modern meint man heute zB den Städtebau und die Ästhetik der letzten 80 Jahre. Aber das, so denke ich, ist hier jedem klar. Große und kalte Betonplätze, Zierlose Kistenfassaden, große Parkplätze, verwahrloste Parks, depressiv machende Neubausiedlungen - und die Gewalt und Kriminalität in diesen. Nicht mehr und nicht weniger. Die Moderne ist heute ein sehr negativ besetzter Begriff.

Will man nun neue Urbanität, neues Lebensgefühl, neue Lebensart und neue Ästhetik beschreiben, nennt man es "trendy/trendig". Es umschreibt das, wofür eigentlich das Wort "modern" steht. Was in und angesagt ist, wird heute nicht mehr modern, sondern trendy genannt.

Der Begriff Modern ist also verfälscht und abgeschliffen und hat seine eigentliche Bedeutung verloren.

Vielleicht im technischen Bereich noch anwendbar - ansonsten unbrauchbar.

Eine Betonkiste wird also mit "modern" umschrieben, ein Neubau wie von Antiquitus am Berliner Hausvogteiplatz fotografiert, mit "trendy". Obwohl dieses Gebäude doch eher den Begriff modern verdient. Aber, wie gesagt, ist dieser Begriff tot und verbraucht.

Entweder trennen wir uns von dem Begriff, oder geben ihn wieder neue Inhalte - das heißt, wir dürfen den Schrott der letzten Jahrzehnte nicht mehr als modern bezeichnen. Und, die Bauepoche der "Moderne" braucht schnellstens einen neuen Namen.

Moderne Architektur ist out, trendige Architektur ist in! Störtebeker-Haus in Hamburg und Adlon in Berlin liegen im Trend, die meisten Teheranis ind Libeskinder haben es nur noch nicht bemerkt!
Dirk1975
Moderator

Beiträge: 435


 

Gesendet: 01:15 - 07.06.2004

Beitrag von Weißer Wolf

Die Welt, 22.07.2002


"Wohin mit der Moderne?"

Der Ruf nach einer neuen Renaissance wächst: Ist Corbusiers Tradition zum Irrweg geworden? - Debatte

Von Dankwart Guratzsch

Der Weltkongress der Architekten in Berlin, zu dem vom 22. Juli an mehrere Tausend Fachleute aus allen Erdteilen im einstigen Führungsland des architektonischen Aufbruchs der Moderne erwartet werden, könnte zu einem epochalen Ereignis werden. Nämlich dann, wenn die Architekten erstmals seit Jahrzehnten bereit wären, sich der Grundsatzfrage zu stellen: Ist die Baumoderne noch "modern"? Hat sie noch Zukunft?

Seit mindestens 80 Jahren kopiert sich die Bewegung, die mit der Parole angetreten war "Die schmückende Kunst ist tot" (Le Corbusier), nur noch selbst. "Das Leben ist uns das Entscheidende. In seiner ganzen Fülle, in seinen geistigen und realen Bindungen", hatte Mies van der Rohe 1927 verlangt. Aber gerade diesen Bezug hat die Architektur verloren.

Hat das Neue abgewirtschaftet? Warum werden in Deutschland so viele historische Gebäude rekonstruiert wie noch nie? Warum werden immer weitere Rekonstruktionen gefordert?

Für den Präsidenten der Bundesarchitektenkammer, Peter Conradi, und einen Großteil seiner Berufskollegen ist klar: "Kopien" verschwundener Gebäude sind Kitsch und Spuk, aber weder Architektur noch ein Beitrag zur Baukultur. Diese Kritiker sollten indes bedenken, was der Kunsthistoriker Tilman Buddensieg in dieser Zeitung konstatierte: Solche Bauten entsprechen "einem Mehrheitswillen der Zeit". Die Architekten sitzen in der Falle der Dogmen der Moderne, die jeden Rückgriff auf historische Stilformen ausschließen.

Eine "Falle" ist das deshalb, weil ein Blick in die Architekturgeschichte zeigt: Das Verlangen nach "alten" Stilformen ist weder unmoralisch noch illegitim, weder kitschig noch verlogen. Das hat der Kulturkritiker Egon Friedell vor mehr als 70 Jahren eindrucksvoll dargelegt, als er die europäische Kulturrevolution der Renaissance untersuchte. "Wie war es möglich", fragte er, "dass ein Volk gerade in dem Augenblick, wo ein neuer Lebensstrom durch seine Kultur ging, auf den Einfall kam, eine andere, längst versunkene Kultur nachzuahmen?" Seine Antwort ließe sich auch auf die Gegenwart beziehen: "Wiederanknüpfungen an das Altertum, Rezeptionen des antiken Bildungsstoffes" seien in der europäischen Geschichte "etwas ganz Gewöhnliches und fast der Ausdruck eines biologischen Gesetzes, indem sie sich mit der Regelmäßigkeit einer Serie im Laufe der Jahrhunderte wiederholen. Schon der Alexandrismus war im Grunde eine Renaissance, eine bewusste und gewollte Rückkehr zu den literarischen Traditionen der klassischen Zeit." Und weiter: "Dass die gesamte römische Dichtung nichts war als eine Wiederholung griechischer Formen, ja genau genommen eine bloße Übersetzungsliteratur, ist allgemein bekannt. Auch das Mittelalter hat zwei Renaissancen erlebt: die karolingische und die ottonische. Und auch die italienische Renaissance war nicht die letzte."

Der heutige Unterschied zu diesen Umbrüchen liegt im Gesetz vom Verbot des Rückgriffs, das sich die Moderne gegeben hat. Künste und Künstler der Moderne haben den Kontakt zu den kulturellen Unterströmungen verloren. "E-Kunst" und "U-Kunst" klaffen wie noch nie in der Geschichte auseinander. Für die Architektur, eine Gebrauchskunst, hat das eine fatale Folge: Die Sprache der "Künstlerarchitektur" wird von breiten Kreisen der Bevölkerung, und damit der Auftraggeber und Nutzer, immer weniger verstanden.

Der Architekt Karl Friedrich Schinkel ist für seine Neubauten von "seinen" Berlinern noch mit Fackelzügen gefeiert worden - heute ruft schon die Ankündigung eines neuen Gebäudes Bürgerinitiativen gegen Verschandelung auf den Plan. Viele dieser Gebäude sind - ein Novum in der Baugeschichte - ein absichtsvoller Angriff auf die "Identität" des Ortes: Man denke nur an Daniel Libeskinds Projekt eines Bürohauses an der von August dem Starken angelegten Prachtstraße der "Neuen Königsstadt" Dresden, dem Neustädter Markt.

Schon vor 25 Jahren forderte der Münchner Architekt Alexander Freiherr von Branca: "Wir brauchen eine neue Renaissance!" Er wurde dafür von seinen Berufskollegen verlacht. Heute moniert selbst der Präsident des Bundes Deutscher Architekten, Kaspar Kraemer: "Man mutet den Menschen eine Kühle zu, mit der sie verständlicherweise nicht umgehen können." Kraemer verlangt von den Architekten die Rückkehr zu Überzeugungen, wie sie Schinkel vertreten hat, nämlich dass "der Mensch dazu da sei, die Welt zu verschönern". Eine schöne Umwelt stellt sich der Architektenfunktionär vor als "frei von Wunden, von Brüchen, von Dekonstruktivismen".

Eine solche Umwelt haben die Architekten, Stadtplaner und Baubeamten den von Bomben verwüsteten Städten vorenthalten, ja sie haben die Reste einer solchen Umwelt noch in einem Sanierungsfeldzug abgeräumt. Und der ist nicht zu Ende: Gerade ist die Stadt Halle im Verein mit einem Kaufhauskonzern im Begriff, ihren einzigartigen Marktplatz mit einem Monsterbau zu demolieren.

Wenn Menschen dies als "Verschönerung" aufgenötigt wird -muss man sich da wundern, warum der Ruf nach Wiederbelebung alter Bauideale immer mächtiger anschwillt? Die Architektur der Moderne kann nur genesen, wenn sie sich radikal infrage stellt. Auf dem Berliner Weltkongress hat sie die Chance dazu.

Quelle: http://www.baupool-online.de/pressemitteilungen/welt020722c.htm
Weißer Wolf
Senior-Mitglied

Beiträge: 463


 

Gesendet: 01:20 - 07.06.2004

Und ich habe noch einen Artikel gefunden.

Die Welt, 22.07.2002


"Städte sollen schön sein"

Diese Woche treffen sich in Berlin die Baumeister der Welt: Ein Gespräch mit Kaspar Kraemer, dem Präsidenten des Bundes Deutscher Architekten, über hässliche Straßen und das Schloss


DIE WELT: War das Bundestagsvotum zum Wiederaufbau des Berliner Schlosses eine Ohrfeige für die zeitgenössische Architektur?

Kaspar Kraemer: Nein. Es ging bei der Schlossdebatte eben nicht allein um die Frage, ob die moderne Architektur das äußere Bild der Mitte Berlins bestimmen darf. Es geht um die Wiedergewinnung des wesentlichen Schlusssteines eines einmaligen Ensembles, das Jahrhunderte lang bestanden hat und durch einen barbarischen Akt zerstört wurde. Es geht um den verantwortlichen Rückbau eines Bildes, das identitätsstiftende Wirkung haben muss. In Köln war keine der zwölf romanischen Kirchen nach dem Kriege noch intakt. Heute, wieder aufgebaut, bestimmen sie ganz wesentlich das Selbstbewusstsein der Stadt. Der Wiederaufbau war eine Hommage an die vorausgegangenen Epochen. Das Schloss könnte - vertraut im Äußeren, modern im Inneren - ein Spiegel unserer Gesellschaft werden, die sich in Verantwortung vor ihrem Erbe selbstbewusst der Zukunft zuwendet. Das zu entwerfen ist doch eine großartige Chance für heutige Architekten. Die mehrheitlich gewollte Bindung an ein vertrautes Gesicht empfinde ich nicht als Beschränkung der Gestaltungsfantasie.

DIE WELT: Wie kommt es, dass so viele ausländische Architekten in Deutschland bauen, aber nur sehr wenige Deutsche im Ausland?

Kraemer: Die ausländischen Architekten kommen nach Deutschland, weil wir ein reiches Land sind und viel bauen. Aus dem gleichen Grund hielten es die deutschen Architekten bisher nicht für wichtig, ins Ausland zu gehen. Jetzt, wo wir unser Land wieder aufgebaut haben und der Markt enger wird, fühlt sich die deutsche Architektenschaft benachteiligt. Mit Recht: Denn in anderen Ländern der EU gibt es unsere Offenheit nicht - obwohl sich alle zur Freizügigkeit bekennen.

DIE WELT: Sie sind, frisch im Amt, mit der eigenen Zunft hart ins Gericht gegangen. Galt das auch für Ihre eigenen Bauten?

Kraemer: Ich habe immer versucht, in einem Geist zu bauen, den man auch bei dem von mir verehrten preußischen Klassizisten Karl Friedrich Schinkel findet: ein klarer Kubus, gut proportionierte Fassaden, Disziplin, die Suche nach dem Angemessenen, auch eine bestimmte Form der Bescheidenheit. Ich entwerfe lieber ein anständiges Haus, das auf bewährten Prinzipien basiert, als dass ich etwas riskiere, von dem ich nicht sicher bin, ob das in fünf Jahren noch Bestand hat. Neunzig Prozent der Architektur ist nur Hintergrund, von dem sich das wirklich Besondere abheben kann.

DIE WELT: Sie berufen sich auf den antiken Architekturtheoretiker Vitruv.

Kraemer: Seine drei Kategorien firmitas, utilitas und venustas sind immer noch gültig. Eine adäquate Konstruktion, ein vernünftiger Grundriss und Schönheit. Das Dienende, auch der Dienst an der Gestalt der Stadt, wird heute zu häufig überlagert vom Selbstdarstellerischen, von der Attitüde "Hier bin ich!".

DIE WELT: Sie sind für die Wiederentdeckung klassischen Bauens.

Kraemer: Es geht nicht darum, einfach zu kopieren, sondern wieder klassische, also bewährte Prinzipien zu vermitteln - wie etwa die richtige Anordnung von Fenstern in einer Wand, das Verhältnis von Offenheit und Geschlossenheit, das die Vorhangfassade nicht mehr kennt.

DIE WELT: Wie weit kann diese Wiederentdeckung gehen?

Kraemer: Bis ins Detail. Schritt für Schritt merkt man beim Entwerfen, dass man mehr an Vielfalt hinzufügen will. Plötzlich denkt man über ein Gesims nach. Früher glitt der Blick an der Fassade nach oben und fand optischen Halt am vorstehenden Abschlussgesims. Das hatte darüber hinaus eine ganz praktische Funktion als Witterungsschutz. Je mehr man sich mit historischen Gebäuden beschäftigt, desto stärker vermisst man diese Dinge bei der Moderne. Nehmen Sie das historische Dom-Hotel in Köln mit seinem heutigen Flachdach. Jetzt wird diskutiert, ob das steile Dach wieder aufgesetzt werden soll. Wenn man die alten Fotos kennt, sieht man sofort, dass heute das Gesicht des Hauses fehlt.

DIE WELT: Die Kulturkritik wittert in solchen Rekonstruktionen immer eine "Flucht vor der Vergangenheit".

Kraemer: Die Zerstörungen des Krieges sieht man auch in Köln an jeder Ecke. Ich finde es falsch, dass diese Wunden auf Dauer offen gehalten werden sollen. Wir haben einen Anspruch darauf, dass unsere Städte schön gestaltet werden. Und wenn an einem Ort offensichtlich etwas fehlt, muss man es wieder herstellen. Ich erinnere mich noch an die Berliner Schlossbrücke ohne ihre Figuren. Eines Tages standen diese wunderbaren Skulpturen wieder auf ihren Postamenten: Die Brücke war verzaubert! Hier wirkt eine unglaubliche magnetische Gewalt, "die formfordernde Gewalt des Nichts", wie Gottfried Benn einmal gesagt hat. Diese ganze Diskussion um "Brüche" und offen zu haltende "Wunden" hat immer etwas sehr Angestrengtes und Belehrendes. Ich glaube, dass klassische Schönheitsbegriffe nach wie vor Gültigkeit besitzen. Unsere Gesellschaft leidet darunter, dass die vermeintlich intellektuelle Elite ihr das nicht mehr zugestehen will.

DIE WELT: Manche Architekten wollen die "Zerrissenheit" unserer Welt abbilden.

Kraemer: Gerade in einer Welt, die so kompliziert und hässlich ist, sehnen wir uns doch nach harmonischen Räumen. Sie zu gestalten ist eine Aufgabe für Architekten. Meist geht es in diesen Diskussionen um Meinungsführerschaft im intellektuellen Betrieb. Die wichtigen Fragen sind aber ganz andere: Warum sind unsere Straßen so hässlich? Warum sind unsere Verkehrsbauten so schlecht gestaltet? Hier liegen Aufgaben für Architekten und Ingenieure.

DIE WELT: Die sie heute nicht angemessen lösen?

Kraemer: Es gibt sehr viel gute gegenwärtige Architektur. Man muss die Moderne nicht verdammen, nicht hinter sie zurücktreten. Aber mir fällt immer wieder der heutige Mangel an Proportion, Ordnung, Struktur und Harmonie auf. Zudem hat die Abschaffung von Profil und Relief zu einer abstrakten Flächigkeit geführt, die billig aussieht und nicht in Ehren altern kann. Ein großes Problem der Architektur liegt darin, dass sie vorbehaltlos der Entwicklung der modernen Kunst zur Abstraktion gefolgt ist. Man mutet den Menschen damit eine Kühle zu, mit der sie verständlicherweise nicht umgehen können.

DIE WELT: Sie gehören zu denen, die Gestaltungssatzungen für unsere Städte fordern. Kennen Sie gelungene Beispiele?

Kraemer: Regensburg ist eine der wenigen Städte mit einer durch den Krieg kaum zerstörten Altstadt. Hier gibt es einen Gestaltungsbeirat, ein ambitioniertes Wettbewerbswesen bei der Ausschreibung öffentlicher Gebäude, es gibt Vorgaben beim Stadtmobiliar und bei der Beschilderung. Man spürt, dass hier Menschen leben, die sich um ihr Stadtbild kümmern. "Gestaltungssatzung" klingt immer so nach Bevormundung, aber die meisten Menschen sind nicht ausgebildet genug, das Richtige zu tun. Ich erlebe das in Köln. Viele an der Stadtgestaltung beteiligte Ämter machen, was sie für richtig halten - aus bestem Willen heraus, aber ohne gestalterische Führung. Und das in einer traditionsreichen Stadt, die in anderen Bereichen so viel Qualität produziert, die ein gebildetes Bürgertum hat. Warum fordern diese Bürger nicht ein ihren Ansprüchen genügendes Stadtbild?

DIE WELT: Was erhoffen Sie sich vom UIA-Weltkongress? Kritiker befürchten, dass sich heute nicht mehr global über Architektur reden lässt.

Kraemer: Es wäre falsch, die notwendige Diskussion über Architektur und ihre Bedingungen zu nationalisieren. Gerade in der augenblicklichen Situation, die für die Baukultur in vielerlei Hinsicht bedrohlich erscheint, ist eine internationale, öffentlichkeitswirksame Diskussion über den "Mehrwert" guter Architektur und Stadtplanung absolut notwendig.

Die Fragen stellte R. Haubrich

Kaspar Kraemer

ist seit Anfang des Jahres Präsident des Bundes Deutscher Architekten (BDA). Im Gegensatz zu den berufsständischen Architektenkammern versteht sich der BDA als "eliteorientierter" Verband, dessen Mitglieder berufen werden. Derzeit sind es bundesweit rund 6000. Kraemer (Jg. 1949) studierte Architektur in Darmstadt und Yale, trat 1977 in das Büro KSP Kraemer Sieverts + Partner ein, wo er 1985 Partner wurde. 1999 gründete er das Büro Kaspar Kraemer Architekten.

Dirk1975
Moderator

Beiträge: 435


 

Gesendet: 23:23 - 30.07.2004

Ich empfehle, unbedingt einmal den Essay "Architektur des 20. Jahrhunderts als Kult" von Nikos A. Salingaros zu lesen. Er setzt sich kritisch mit dem System hinter unserer zeitgenössischen Architektur auseinander:


http://www.umbau-verlag.com/Essays/NikosSalingaros.html
Dirk1975
Moderator

Beiträge: 435


 

Gesendet: 17:51 - 31.07.2004

Hier ein Auszug aus: "Versteckter Modernismus in
der Welt der Revision"
von Robert Adam:


Experten in der Welt der Revision sind immer das Establishment. Das Establishment in der Architektur ist, fast ohne Ausnahmen, modernistisch. Tatsächlich ist praktisch jeder Architekt ein Modernist.

Diese Ideologie ist so tief verwurzelt, daß die meisten, die sie vertreten, nicht einmal merken, daß sie sie vertreten. Modernismus kann als die Ideologie des Prinzips definiert werden, daß modernes Design, um zeitgemäß zu sein, sich offensichtlich und vorsätzlich von allem bereits dagewesenen unterscheiden muß; unter diesem Gesichtspunkt sind Neuheit und Innovation reiner Selbstzweck. In diesem System ist Modernismus dem Stil übergeordnet, es ist der unvermeidliche Weg vorwärts - ob es einem nun gefällt oder nicht. Die Vorstellung, diese Prinzipien zu befürworten sei eine Stilfrage, wäre die Verleugnung der Prinzipien selbst. Die Befürwortung dieses Prinzips ist somit nicht die Befürwortung eines Stils zu Ungunsten eines anderen, sondern die Befürwortung einer historischen Wahrheit, und die Wahrhaftigkeit eines Designs ist das wichtigste Kriterium der Qualität eines Designs.

Eine ganze Sprache hat sich entwickelt, diese Sichtweise darzustellen. Das Wichtigste dieser besonderen Wörter ist das Adjektiv „modern“, Kurzschrift für „modernistisch“. Tatsächlich ist „modern“ ein unvermeidlicher Zustand des Seins; für den Normalmenschen bedeutet „modern“ etwas kürzlich vorgekommenes, was auch immer das sein mag. Ein ähnliches Adjektiv ist „zeitgenössisch“, die Bedeutung ist praktisch die gleiche.

Meine Bedenken hiergegen werden oft als Fall fortgeschrittener Paranoia bezeichnet (Verfolger bezichtigen den Verfolgten stets der Paranoia). Warum ist das wichtig? Es ist deshalb wichtig, weil ich erstens der Möglichkeit beraubt bin, meine Arbeit als „modern“ bezeichnen zu können (was sie sein muß); zweitens ist der Begriff im Berufsstand so tief verwurzelt, daß manche zu der Überzeugung gelangt sind, er bedeute für alle das gleiche; und drittens ist er zu einem Code geworden, der sowohl den zufälligen Zuhörer als auch das Ausschußmitglied darüber hinwegtäuscht, daß er nicht Fakten, sondern eine Lehrmeinung zu hören bekommt. Wenn „hochqualitatives, zeitgenössisches Design“ (Places for Living, Birmingham City Council Planning Department, p37) gefordert wird, dann meint der professionelle Revisor „hochqualitatives modernistisches Design“. Anders macht es keinen Sinn. Wenn „zeitgenössisch“ wörtlich bedeutet „existierend zur gleichen Zeit wie jetzt“, wäre der Satz bedeutungslos: „hochqualitatives Design das jetzt designed wird“.

Es gibt eine Unzahl solcher Begriffe: „für das Heute“, „für das 21. Jahrhundert“, „für das moderne Leben“, „heute die Zukunft gestalten“, „für übermorgen“ und natürlich das verführerische „optimistisch“. Jeder dieser Begriffe trägt in sich sein negatives Gegenteil: „nicht für das Heute“, „für irgendeine Zeit vor unserer eigenen“, „für das altmodische Leben“, „morgen die Vergangenheit zerstören“, „für vorgestern“ und natürlich „pessimistisch“.

Und dann gibt es da noch die Begriffe, die blanke Meinungsmache sind: „innovativ“, „ehrlich“, „aufrichtig modern“, „authentisch“ usw. In Anbetracht des eindeutig ideologischen Ursprungs dieser Begriffe ist es erstaunlich, wie oft sie verwendet werden. Der Stadtrat von Birmingham verlangt nach „hochqualitativen, innovativen Vorschlägen“, die „Stiftung Architektur“ unterstützt Änderungen der Leitlinie 15 der staatlichen Planungspolitik (die Historische Umgebung) um zu verhindern, daß „neue Gebäude, die frühere Stile imitieren ... den eigentlichen Artikel wertlos machen“.

Es gibt jedoch auch eine weitaus besorgniserregendere Tendenz, ausgehend von einem bürokratisierterem Planungssystem. Viele Beamte und ihre Mitarbeiter haben keine Hemmungen, die Qualität eines Designs strengstens nach und mit den Begriffen modernistischer Ideologie zu beurteilen. Ich zitiere zwei Beispiele aus Planungsämtern:

„... dieses rigide Verhaftetsein im architektonischen Stil einer vergangenen Ära ... verhindert, daß der Entwurf in die Kategorie „Höchste Qualität“ fällt und ist somit nicht „herausragend durch seine Architektur“...“

„Obwohl Ornament unter gewissen Umständen angemessen sein mag ... sollte eine angemessene Antwort auf jüngste Entwicklungen modern und innovativ sein...“

Hier sind zwei Beispiele von Kommentaren aus einem Gestaltungsbeirat:

„... dieser Entwurf ... reflektiert nicht ... die kulturelle Periode, in der er errichtet werden soll ... und ist kein Beitrag zum menschlichen Streben nach Fortschritt in Kunst und Architektur...“

„Wenn bloß solches Können und offensichtlich harte Arbeit für den Entwurf eines herausragenden zeitgenössischen Hauses mit Garten verwendet worden wären! ... Wie soll sich Tradition entwickeln und fortschreiten, wenn zeitgenössische Architektur vermieden oder ignoriert wird?“

(Im Interesse der Unparteilichkeit habe ich es vermieden, Kommentare zu meiner eigenen Arbeit anzuführen.)

Ich hoffe, mir wird zugestimmt, wenn ich sage, daß es für Ästhetikkommissionen als Experten unangebracht ist, Eigentümern mittels Planungsrecht ästhetische Ideologien aufzuzwängen. Der Einfluss institutionellen Modernismus nimmt meiner Wahrnehmung nach jedoch zu. Dies liegt meiner Meinung nach an der zunehmenden Bürokratisierung von Planung, der Zunahme von modernistischen Planern, hauptsächlich jedoch an der Welt der Revision, die auf dem gefährlichen Weg ist, einen offiziellen Stil zu etablieren. Diejenigen, die einer modernistischen Ideologie folgen sollten ebenso dagegen sein, wie diejenigen, die sie versuchen, auszuschließen.

http://www.umbau-verlag.com/Essays/RobertAdam.html

http://www.robertadamarchitects.com
Rösch
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Gesendet: 21:10 - 31.07.2004

@dirk

vielen dank für den hinweis auf beide essays!
Dirk1975
Moderator

Beiträge: 435


 

Gesendet: 15:56 - 03.08.2004

"Modernismus als selbst-referentielles System „radikalen Relativismus“ hat schon längst jeglichen Anschein von Utopie bzw. kritischer und poetischer Kraft einer Avantgarde eingebüßt. Es ist kein rebellischer und jugendlicher Sproß kultureller Regeneration, viel mehr spießbürgerliches Establishment, gelähmt durch eine reduziertes, willkürlich gewähltes und ziemlich trauriges Repertoire an Theorie und Praxis.
...
Zeitgenössische traditionelle Architekten und Urbanisten zielen nicht auf eindrucksvolle Statements oder konkurrierenden Einfallsreichtum. Ihre Arbeit ist aufregend und einzigartig, weil sie sich harmonisch und elegant in bestehende soziale, umweltliche und städtische Zusammenhänge einfügt; weder als Sklavendienst an der Vergangenheit, noch in Blindheit für die Zukunft. Sie bekennen sich mit positiver Klarheit zum Zeitgenössischen und entwickeln neue Standards der Modernität für eine bessere Welt im Kontext humanistischer und ökologischer Kriterien"

Lucien Steil

Aus: "Städte und Architekten"
Rösch
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Gesendet: 16:57 - 01.09.2004

"modern" nur ein fatales Wortspiel des Modernismus, sprich der klassischen Modernen



...könnte man das Geschriebene einmal rekapitulieren?:

die (klassische) "Moderne " und alle aus ihr resultierenden Zweige (Neue Sachlichkeit, Internationaler Stil, Funktionalismus, Brutalismus,....bis zum derzeitigen Individualismus)sind in Wahrheit "Modernismus" . Der Begriff "modern" wurde und wird von der Modernen = Modernismus einverleibt mit absoluten Alleinvertretungsanspruch.

"Modern" waren und sind Elemente des Modernismus u.U. zwar auch, wenn man sie als innovativ, neu, zeitgemäß, und Verbesserung gegenüber einem Vorzustand v.a. in technischer Hinsicht ansehen kann.

"Modern", wie es aber nunmehr seit über 80Jahren an Hochschulen und in der Öffentlichkeit verkauft und vertreten wird, ist der Modernismus durch seine Worteinverleibung damit aber zwangläufig nicht!
Neue Traditionelle Architektur und Rekos haben den gleichen Anspruch und das Maß "modern" zu sein.

Rösch
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Gesendet: 21:49 - 01.09.2004

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