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Autor Mitteilung
Rösch
Senior-Mitglied

Beiträge: 343


Gesendet: 00:39 - 12.03.2004

Die Moderne

Mit nichts hat man sich öfters rumzuplagen, wenn man sich für Denkmalpflege, Rekonstruktion oder traditionelle Architektur einsetzt, wie mit den viel benutzten Worten "Moderne", "modern" oder "modernistisch".

Doch was ist eigentlich "modern"?

Von der Mehrheit der Architekten, die modernes Bauen einfordern, wird damit lediglich ein Baustil beschworen, der nun um die 80 Jahre deren Denken und Handeln bestimmt.Eigentlich echte Nostalgiker diese modernen Architekten.
Dabei muß man natürlich feststellen, dass auch wir alle gerne das Wort modern in vielen Zusammenhängen verwenden, ohne den Stil der Moderne zu meinen. Das Wort modern ist zwischenzeitlich mutiert zum Synonym für neuzeitlich, zeitgemäß oder gar innovativ.

Nur, was ist an einer Architektur, die sich vor 80Jahre als revolutionär zum endlichen Baustil erhoben hat noch innovativ, neuzeitlich etc., wenn sie sich in ihrer Form ständig wiederholt, ganz zu schweigen von ihrem bedenklichen Absolutheitsanspruch, mit der sie von ihren Befürwortern in allen Bereichen immer wieder durchgedrückt wird.
Nicht nur, dass das man mit "modern" etwas gleichsetzt, was die Umsetzung "moderner Architektur" keinesfalls erfüllt, die Mehrheit der Architekten hat sich damit selbst auch eine Doktrin geschaffen, der sie in verhängnisvoller und tragischer Weise tagtäglich erliegt. Was für ein armer Geist in diesen Menschen doch herrscht.

Dirk1975
Moderator

Beiträge: 435


 

Gesendet: 01:17 - 12.03.2004

Das Verhängnis war daß sich Vertreter eines bestimmten Architekturverständnisses bzw. Baugesinnung den Begriff "modern" praktisch patentieren liessen und somit den psychologischen Effekt erzielten, daß diesem zeitlose Aktualität und die Essenz aus allen Bedürfnissen an Architektur zugesprochen würde. Was auch bis heute, zumindest plakativ, aufgeht. Deshalb ist es auch wichtig den Begriff "modern" nicht gedankenlos und reflexartig auf Architektur anzuwenden, die eigentlich nur dieses, bekanntermaßen schon sehr alte und längst als fragwürdig erkannte Bauverständnis zum Ausdruck bringt. Aber es wird kaum möglich sein, diesem Verständnis das Patent "modern" wieder abzuerkennen. Dazu müßte es einen Konsens geben, daß es sich nicht einverleiben läßt und ständig weitergereicht werden muß. So war die sogenannte Postmoderne in meinen Augen zu ihrer Zeit die eigentliche Moderne, mußte aber auf diese merkwürdige Definition ausweichen. Doch was kommt nach der Postmoderne?
Bewacher
Mitglied

Beiträge: 215


 

Gesendet: 06:41 - 12.03.2004

"Mit nichts hat man sich öfters rumzuplagen, wenn man sich für Denkmalpflege, Rekonstruktion oder traditionelle Architektur einsetzt, wie mit den viel benutzten Worten "Moderne", "modern" oder "modernistisch"."

Das stimmt natürlich, obwohl die Wahl nicht sein kann: Entweder die sog. "Moderne" (den Mißbrauch des Wortes bitte nicht mittragen! ) oder überall nur einer der Stile davor. Bereits nach der sog. "Moderne" gab's die Postmoderne und es könnten sicherlich noch einige Baustile entstehen, wie es ja zur Tradition der Architektur gehört, ab und zu neue zu kreieren (wo man allerdings früher den Menschen und nicht das Medienrummel in den Mittelpunkt gestellt hat...). Die sog. "Moderne" blockiert jegliche Entwicklung der Architektur auf eine nie gekannte Art und Weise...

"Aber es wird kaum möglich sein, diesem Verständnis das Patent "modern" wieder abzuerkennen."

Doch - bereits die Gänsefüsse sind ein Schritt in die richtige Richtung...
Ben
Goldenes Premium-Mitglied

Beiträge: 1337


 

Gesendet: 17:50 - 12.03.2004

Eigentlich echte Nostalgiker diese modernen Architekten

Ich würde eher sagen, die sind "rückwärtsgewandt" ! Aber sonst hast du Recht!
Ich beziehe "modern" eher auf die technischen Aspekt, die ein Haus/der Bau des Hauses mit sich bringt...Keinen Ahnung...irgendwelche neuartigen Materialien oder techn. Schnick-Schnack...Die Fassaden, die man als "modern" bezeichnet, sind einfach nur glatt und abweisend!
mathias
Senior-Mitglied

Beiträge: 315


 

Gesendet: 12:09 - 13.03.2004

@Ben

Genau! Bei technischen Einrichtungen ist die Bezeichnung "modern" sinnvoll und attraktiv (z.B. eine moderne Wärmepumpe oder ein modernes Solardach), für Kunst und architektonische Formensprache ist die Bezeichnung heute dagegen völlig inhaltsleer geworden, weil es einfach keinen gemeinsamen Nenner der "Moderne" mehr gibt außer der Ablehnung aller Formen, die vor ihr da waren.

Wie soll man sich eine "moderne" Fassade vorstellen? Metallisch glänzend, organisch und geschwungen wie bei Gehry oder festungsartig, gezackt und mit schrägen Fensterschlitzen wie bei Libeskind? Im Raster-Look wie bei den Bauhaus-Revival-Bauten?
Das einzige, was diese völlig widersprüchlichen Bauten eint, ist rein negativ, nämlich die Ablehnung aller Traditionen außer denen vom Beginn des letzten Jahrhunderts. Der ganze Reichtum eines nach wie vor bei den Bürgern beliebten Formenschatzes einer korinthischen Säule, einer Ädikula, eines Kreuzgratgewölbes bleibt streng verboten.
Die Moderne ist kein Baustil, sie ist ein rein negatives Dogma, ein Verbot, eine Zumutung für die Bürger.




H. C. Stössinger
Senior-Mitglied

Beiträge: 422


 

Gesendet: 22:13 - 13.03.2004

Wie wahr!

Die "Moderne" ist gar keine!

Das, was man als Moderne verkauft ist:

"Mut" zur Hässlichkeit und Zerstörung; Bruch gesellschaftlicher Tabus; gesellschaftliche Manipulation. Verbot von freien Emotionen im Sinne einer uniformen Zweckmäßigkeit. Abschaffung des Menschen als solchen. Die "Moderne" prägte unsinnige Begriffe wie "Bürgerlicher Kitsch" weil sie die wahre Kunst nie verstanden hat.

Für mich hat eine moderne Fassade Säulen und Giebel! Nur nebenbei.
Antiquitus
Moderator

Beiträge: 943


 

Gesendet: 22:21 - 17.03.2004

hc,
genau!
für mich gibt es nichts moderneres als die ewige klassik. denn diese wird nie veralten, alles andere schon.

es war aber wirklich ein genialer schachzug der kistchenbauer, ihren eigenen stil als "klassische moderne" zu bezeichen.
dabei ist das eigentlich ein widerspruch in sich, aber das stört freilich nur die, die es stören darf.
Claus
Mitglied

Beiträge: 164


 

Gesendet: 10:42 - 29.03.2004

Wir müssen eben darauf hinarbeiten,dass die traditionelle Architektur wieder `in Mode` kommt.Nur das Innenleben wird als modern bezeichnet.Wenn wir die Verantwortlichen davon überzeugen können,dass klassische Fassaden `trendy`sind,haben wir schon gewonnen. Im Textilbereich wiederholt sich die Mode auch imnmer wieder und Retro-Style ist in,genau wie bei Autos. Selbst Einbauküchen werden jetzt aufgrund starker Nachfrage wieder im Stil von `Grossmutters Zeiten` hergestellt.
Dieses `Immer vorwärts,rückwärts nimmer mehr` erinnert mich an die DDR kurz vor ihrem Zusammenbruch.
Eine Gesellschaft muss auch mal in sich selbst ruhen können und nicht nur der ewigen Veränderung hinterherjagen.Das hat etwas mit Lebensgefühl und gutem Geschmack zu tun,die in Deutschland leider selten anzutreffen sind.
Ernst
Mitglied

Beiträge: 134


 

Gesendet: 11:03 - 29.03.2004

Die Doppeldeutigkeit des Begriffs "Moderne" ist ein rhetorisches Meisterstück. Ich bin aber davon überzeugt, daß sie nicht die Jahrhunderte überdauern wird. Der schlichte Stil des 20. Jahrhunderts wird wahrscheinlich dann seinen endgültigen Namen erhalten, wenn er von einer neuen wirklich starken Stömung endgültig abgelöst wird. Anscheinend tun sich die Menschen sehr schwer damit, Ereignisse, Kunststile, Musikstücke und auch Architektur der Gegenwart klar einzuordnen, zu bewerten und treffend zu benennen. Erst im Rückblick trennt sich die Spreu vom Weizen und dann werden auch die dauerhaften Begriffe geprägt.

Soweit ich weiß war "Gotik" der abwertend gemeinte Begriff für die aus Sicht der Renaissance als überholt empfundene, "alte" Architektur. Wie wohl die Baumeister der Gotik ihre eigene Architektur bezeichnet haben? Vielleicht als "Moderne"?
PeterBerlin
Bronzenes Premium-Mitglied

Beiträge: 584


 

Gesendet: 22:05 - 01.04.2004

@Alle
"Modern" heisst zwar vor allem "Das Neueste", das stimmt. Was aber wenige wissen: Es heisst auch "Das Beste".

Das Verb "Modernisieren" wird definiert als: "Von einem Niederen Zustand in einen Höheren versetzen".

Also: Wie Ihr an Köln, Dresden Prager Strasse, Frankfurt am Main und natürlich am Schlossplatz in Berlin seht, hat die "Moderne" unsere einstmals so hässlichen Städte in etwas Wunderschönes, Besseres, Höheres versetzt....


@Ernst
das stimmt. Ich weiss nicht, ob es Kollhoff war der Folgendes sagte, auf jeden Fall las ich irgendwo:
"Die Epochen, die ihren Namen bereits während ihrer Zeit erhielten - beispielweise der Jugendstil - dauerten nur sehr kurze Zeit".

@Alle

Und da die Moderne ja leider nun schon gute 100 Jahre dauert, und auch nicht absehbar ist, dass sie sich gleich morgen in Luft aufgelöst haben wird, denke ich auch hier, dass sie ihren - hoffentlich gerechten - Namen erst dann erhalten wird, wenn wir evtll. gar nicht mehr hier sind. Ich persönlich gehe ja stark davon aus, dass man ihr einen Namen geben wird,
der entweder zum Ausdruck bringt:

1)die Leere, das Tote, das Unpersönliche und das maschinell beliebig Vervielfältigbare und Reproduzierbare (Vacuumismus, Clonismus, o.Ä.), oder

2) das völlige Abhandenkommen des Ensembledenkens, der Zusammenhänge und des urbanen Contexts,das kurzlebige Sich-in-Szenesetzen ("Autismus", "Solitarismus");

3) das völlig Abhandenkommen und Verbot jeglicher Ornamentik, das Leugnen der Existenz einer objektiven Schönheit und die damit verbundene Unmenschlichkeit dieser Architektur("Nudismus", "Primitivismus",
"Dishumanismus");

4) die Vorliebe für - eigentlich die Ausschließlichkiet der - Kuben, Raster, Kästchen, eckigen Kanten und Formen ("Geometrismus"; der m.E. sehr treffende Begriff "Kubismus"
ist leider schon besetzt).

5) Oder es wird ein Wort sein, das ganz simpel das Hauptmerkmal der "Moderne" zum Ausdruck bringt:
Nämlich dass dies die erste Epoche ist, in der man sich in Wahrheit
rückwärts bewegt - denn es ist die Epoche, in der man das eigentliche Bauen verlernt hat. "Retroismus", die Rückwärtsepoche, weg von Kunst und Kultur, hin zum Primitiven und Banalen - dieser Name wäre der Beweis, dass sich irgendwann alles rächt. Und die "Moderne" hätte diesen Namen verdient.

Lassen wir uns überraschen - wir werden uns mal alle in so zwei-, dreihundert Jahren auf unserer Wolke Nr. 11 mit unseren Harfen treffen, und mal gemeinsam herunterschauen, was sich dort im 24. Jahrhundert so alles tut.....
Hans-Dominik Schwabl
Mitglied

Beiträge: 120


 

Gesendet: 22:33 - 01.04.2004

Meine Großmutter (Jahrgang 1899) hat schon vor 30 Jahren den Audruck "Neo-WC-ismus" geprägt, der seither im Jargon meiner Familie in Gebrauch geblieben ist und eigentlich sehr treffend ist.

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